Projekthistorie

Bemühungen um die Realisierung eines Nationalatlas für das vereinte Deutschland 1990 – 1993

Weder für das Gebiet von Vorkriegs-Deutschland noch für das der ehemaligen oder vereinten Bundesrepublik Deutschland gab es bis in die 1990er Jahre einen Nationalatlas. Als Vorgänger existierten lediglich folgende Werke, die mit unterschiedlichen Zielsetzungen entstanden und inhaltlich nur schwer miteinander vergleichbar sind:

  • Der Atlas “Die Bundesrepublik Deutschland in Karten”, eine Loseblatt-Sammlung von 90 Kartenblättern, erschienen 1965-70 mit Sammelmappe (sog. Meynen-Atlas); großes Format mit dem Anspruch, Deutschland in den Grenzen von 1937 darzustellen, was aber nur teilweise realisiert wurde;
  • Der “Atlas zur Raumentwicklung”, bestehend aus 11 Teillieferungen mit rd. 150 Karten (1976-1987), herausgegeben von der damaligen Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (sog. Ganser-Atlas), ca. 90 Kartenblätter im Maßstab 1 : 1,5 Mio.;
  • Der “Atlas Deutsche Demokratische Republik” mit 106 Karten (1. Lieferung 1976, 2. Lieferung 1981), herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften der DDR, Hauptbearbeiter: Edgar Lehmann und Ernst Benedict.

Darüber hinaus wurden verschiedentlich für Länder (Bundesrepublik Deutschland) und Bezirke (DDR) Planungsatlanten erarbeitet; zudem gibt es verschiedene, meist historisch-landeskundlich angelegte Regionalatlanten, deren Herausgabe sich über lange Zeiträume erstreckt und teilweise noch nicht abgeschlossen ist (Atlas von Westfalen, Historisch-landeskundlicher Atlas von Sachsen u.a.m.).
Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und der endgültigen staatsrechtlichen Anerkennung der deutschen Außengrenzen im Jahr 1990 schien der Moment für die Erarbeitung eines deutschen Nationalatlas endlich gekommen. In den Jahren 1990 bis 1992 hatten sich auf Initiative des Zentralausschusses für deutsche Landeskunde, des Zentralverbandes der deutschen Geographen sowie der Deutschen Gesellschaft für Kartographie Wissenschaftler aus dem Westen und Osten Deutschlands zusammengefunden und in einem Arbeitskreis “Atlas der deutschen Länder/Nationalatlas” mit großem Einsatz ein Konzept für einen neuen Deutschland-Atlas erarbeitet (Leitung: Prof. Dr. G. Richter, Trier).
Die Ergebnisse wurden 1991 und 1993 in zwei Broschüren der interessierten Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht (Zentralausschuss für Deutsche Landeskunde 1991 und 1993). Leider überstiegen die erarbeitenden Konzepte den realisierbaren Kostenrahmen bei Weitem und fanden trotz wiederholter Bemühungen keine staatliche Unterstützung.

Anbindung des Atlasprojekts an das Leibniz-Institut für Länderkunde

Am 13.01.1995 wurde in Frankfurt a.M. eine Vereinbarung erzielt, die dem Institut für Länderkunde (seit 2001 Leibniz-Institut für Länderkunde) die Herausgeberschaft des Atlas im Auftrage der drei Trägerorganisationen übertrug. Im Jahr 1995 begann das IfL eine Neukonzeption für eine realisierbare und flexible Konzeption eines Nationalatlas der Bundesrepublik Deutschland zu entwickeln. Aus Gesprächen mit Fachexperten, Vertretern relevanter Verbände und Kollegen aus dem Ausland, potenziellen Geldgebern und interessierten Institutionen sowie nicht zuletzt auf Basis von Empfehlungen der das IfL beratenden Gremien wurde ein Anforderungskatalog für ein Nationalatlasprojekt zusammengestellt:

  • Das gesamte Atlaswerk sollte innerhalb von 6 bis 8 Jahren abgeschlossen sein, eine enzyklopädische Vollständigkeit wurde nicht angestrebt.
  • Die thematischen Karten der Bundesrepublik Deutschland sollten aus Kosten- und Aufwandsgründen nicht als Rahmenkarten konzipiert werden – das Inselkartenprinzip bekam Vorrang.
  • Die Planung und Konzeption sollte so flexibel sein, dass sie sich noch im Laufe der sukzessiven Veröffentlichung neuen gesellschaftlichen und technischen Gegebenheiten hätte anpassen können.
  • Der Atlas war inhaltlich überwiegend auf problemorientierte Fragestellungen ausgerichtet. Die Basis-Informationen, die von jedem Atlas erwartet werden, sollten zwar zu finden sein, aber nicht im Vordergrund stehen.
  • Maßstäbe und Kartenausschnitte sollten je nach Themenstellung flexibel gewählt werden, vom nationalen Maßstab (1: 2,75 Mio.) bis zur Stadtplan-Ebene reichend; die Integration von Regionalbeispielen war vorgesehen.
  • Die Karten-Herstellung sollte mit den damals modernsten technischen Mitteln in digital-elektronischer Form erfolgen, mit Zugriff auf eine laufend zu aktualisierende Datenbank.
  • Alle Möglichkeiten moderner Medien, Herstellungs- und Reproduktionsverfahren sollten ausgeschöpft werden, inklusive der Bereitstellung praktischer anwendungsbezogener Materialien für die Lehre.
  • Ein modernes Atlaswerk muss den modernen Schrift- und Medien-Konsumgewohnheiten Rechnung tragen. Vor diesem Hintergrund sollte die analoge Papierausgabe herkömmlicher Art sich durch eine optisch entsprechende Gestaltung, handliches Format, reduziertes Textvolumen, klare und prägnante Darstellungsweisen und eine adäquate Preisgestaltung auszeichnen. Parallel sollte eine elektronische Ausgabe (CD-ROM) erstellt werden, die die Inhalte der Papierausgabe eins zu eins übernehmen sollte, zusätzliche, dem Medium entsprechende Funktionalitäten jedoch berücksichtigen.
  • Die Finanzierung musste über Projektmittel erfolgen und konnte nur teilweise durch die institutionellen Mittel des IfL abgedeckt werden. Durch die Einbindung eines breiten Autorenkreises aus Wissenschaftlerkreisen sollten die Entstehungskosten vergleichsweise niedrig gehalten werden.

Im Jahr 1997 erstellte das Institut für Länderkunde mit den begrenzten Möglichkeiten seiner Haushaltsmittel als Probelauf einen “Pilotband Atlas Bundesrepublik Deutschland”, der im Eigenverlag publiziert und anlässlich des 53. Deutschen Geographentags in Bonn der Fachöffentlichkeit vorgestellt wurde. Hier stieß er auf breite Zustimmung, hohe Akzeptanz und ein breites Echo von Mitwirkungswilligen. Darüber hinaus wurde eine konstruktive Diskussion über weitere Perspektiven und konzeptionelle Konkretisierungen des Nationalatlas angestoßen.

Projekt_pilotband Mit der Bildung einer Reihe von beratenden Gremien und ersten Erfolgen bei den Bemühungen um eine Finanzierung des Projektes begannen am IfL 1998 die Vorbereitungen für die Herausgabe des Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Spektrum Akademischer Verlag wurde ein kompetenter Partner für Marketing und Vertrieb gefunden. Noch 1998 begann die inhaltliche Projektarbeit; zeitgleich erfolgte in der Kartographie des IfL die Vorbereitung der Grundlagenkarten. Im Jahr 1999 wurde der erste Band am IfL redaktionell bearbeitet und lag bereits zum Jahresende gedruckt vor. Danach erschienen die Atlasbände in einem nahezu halbjährigen Turnus, so dass alle 12 Bände Mitte 2006 vorlagen. Mit Erscheinen des Registerbandes wurde das Projekt 2007 in seiner Print-/CD-Ausgabe abgeschlossen.

Projekt_cover

 

Da das Projekt von Anfang an nicht auf eine stetige Aktualisierung im Rahmen von Neuauflagen ausgelegt worden war, entstanden in der Folgezeit zahlreiche medial unterschiedlich aufbereitete Spin-Off-Produkte für verschiedene Zielgruppen. Dabei kamen neue Technologien insbesondere im Bereich des zu Beginn des Projektes noch vernachlässigbaren Internets zum Einsatz. So wurden auf der Basis interaktiver Karten und Animationen Anwendungen für Ausstellungen am Germanischen Museum in Nürnberg sowie für das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig und das Haus der Geschichte in Bonn konzipiert.
Mit dem Startschuss für das Internet-Portal nationalatlas.de  fand der Nationalatlas (Archiv aller Abbildungen und Artikel) mit der Online-Zeitschrift Nationalatlas aktuell, der Online-Landeskunde Deutschland in Karten (Germany in Maps) einen stetigen Platz im Internet. Das Portal wird ständig überarbeitet und umfasst als jüngstes Kind der Atlas-Familie Europe in Maps.

Nationalatlas aktuell

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Germany in Maps

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Europe in Maps

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