Wir nutzen die Böden der Welt, als wären sie unerschöpflich

Atlasprojekte Online: 18. Januar 2015

„Wir nutzen die Böden der Welt, als wären sie unerschöpflich. Doch sie sind in menschlichen Zeiträumen nicht erneuerbar“. Mit dieser zentralen Aussage präsentieren die Böll-Stiftung und Le Monde Diplomatique in gewohnt ausführlicher, graphisch ansprechender und nachdenklich machender Manier – passend zum gerade begonnen, von der UN ausgerufenen „Internationalen Jahr des Bodens“ – den Bodenatlas. Ziel ist es, auf die Bedeutung des Schutzes der Böden als lebenswichtige und nicht erneuerbare Ressource hinzuweisen, sowie den Bodenschutz als globales gesellschaftliches Anliegen zu stärken.

Ein Blick in das Inhaltverzeichnis des Atlas zeigt, dass vornehmlich die quantitative Dimension von Boden thematisiert wird, was eine Synonymisierung mit dem Begriff Land nach sich zieht. Dies wird besonders im Bereich der Themen zur Verteilungsfrage augenfällig.

Über den Boden und die WeltCopyright: Heinrich Böll Stifftung 2015

Insgesamt reflektiert der Atlas ein dreigeteiltes Prozesssystem, welches erhebliche Auswirkungen auf die Qualität und die zukünftige Verfügbarkeit von Boden hat – die physisch-geographischen Grundlagen, die bereits stattgefundene historische Überprägung seit dem Neolithikum und aktuelle Trends dem Verlust von Böden entgegenzutreten und deren gerechte Verteilung zu gewährleisten.

Die gewohnt eingängigen Karten und Graphiken, stammen, wie bereits bei den Fleischatlanten der Böll-Stiftung, aus der Redaktion von Le Monde Diplomatique. Dabei entstehen so aussagekräftige Bilder wie die pro Kopf Inanspruchnahme von Agrarflächen, die durch die vergleichende Verwendung von Fußballfeldern veranschaulicht werden.

Im Zentrum der 20 Einzelthemen stehen insbesondere die Probleme, die durch heute vorherrschende Wirtschaftsformen zur langfristigen Vernichtung von Böden zur Nahrungsmittelerzeugung führen – u.a. der enorme Flächenbedarf für die Industrielle Tierhaltung (inkl. Futtermittelherstellung) sowie die Zerstörung traditioneller Agrarflächen von Kleinbauern zugunsten der Ölpalmen-Plantagen von Energieunternehmen.

Wer sich durch die kritischen Artikel des Atlas gearbeitet hat kann in den meisten Fällen ein unterschwelliges, die eigenen Konsumgewohnheiten reflektierendes Schuldgefühl nicht verleugnen. So benötigt der Konsum von Agrarprodukten der EU-Bürger eine Fläche von rund 640 Millionen Hektar pro Jahr, eineinhalb Mal mehr als die Fläche aller 28 Mitgliedstaaten zusammen beträgt – in Konsequenz: 60 Prozent der für den europäischen Konsum genutzten Flächen liegen außerhalb der EU.

Wer kauf wo Land?Copyright: Heinrich Böll Stifftung 2015

Der Atlas dient jedoch nicht nur der Kritik am internalisierten „Schweinehund“ der Industriegesellschaften. Die Vorstellung neuer Konzepte vor dem Hintergrund einer sich differenziert entwickelnden Bevölkerungsverteilung, Prozessen der Metropolisierung und Demokratisierung von Landnutzung lassen die heraufbeschworenen Untergangsszenarien in anderem Licht erscheinen. Mehr denn je scheinen (ehemalige) Grasroot-Ansätze einen Ausweg aufzuzeigen. Dabei hat ökologischer Landbau viele Gesichter. Neben bereits verbreiteten Konzepten zur Erhaltung/Steigerung der Bodenfruchtbarkeit stehen neue Ideen zur Vermeidung von Überweidungserscheinungen in ariden Gebieten oder das Aufgreifen Jahrhunderte alter traditioneller Anbaumethoden (Terrassierung, Mischanbau, Steinmulchung) im Fokus. Aber auch gesellschaftliche Veränderungen können einer weiteren Verschlechterung der Situation vorbeugen, z. B. das Stärken von Land-Eigentumsrechten von Frauen („In vielen Ländern stellt der Agrarsektor die wichtigste

Beschäftigungsquelle für Frauen dar“), die Umverteilung von Land zur Gewährleistung subsistenter Lebensweisen oder die Stärkung internationaler Vereinbarungen zum Schutz von Böden.

Gerade bei den letztgenannten Themen, trägt die Dominanz quantitativer Ansätze dazu bei, dass das Thema Bodenqualität hinter politischen Themen wie Landverteilung zurücktritt. Der Atlas schafft es jedoch glücklicherweise, diese, häufig eher theoretischen, Überlegungen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Der Bodenatlas 2015 ist ein Kooperationsprojekt der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam, dem Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) und Le Monde Diplomatique. Er steht auf der Seite der Heinrich-Böll-Stiftung als erweiterbare Kategorie des Informationsangebotes ebenso zur Verfügung, wie auch als kostenloser PDF-Download.

Wir haben den Bodenatlas hier als Online-Atlas aufgeführt, obwohl er als Print-Ausgabe erhältlich ist. Vielleicht können wir damit , ganz im Sinne dieses Atlas, ein paar Ästen das Leben retten